Johanna Gann ist vielen bekannt als die „dichtende Trafikantin“ und wurde auch in dem Buch „Parsch erzählt“ vorgestellt. Eine solche Bezeichnung kann jedoch auch den Blick auf die Persönlichkeit verstellen und jemand vorschnell einordnen: „Aha, eine Gelegenheitsdichterin, die viele Prominente kennt…“. Bei einem Besuch erleben wir ihr Suchen nach Verständnis, Anerkennung, Liebe und Erfüllung. Bei jedem Thema des Gesprächs schwingt auch die Sehnsucht nach einem geglückten Leben mit.
Die Wohnung von Frau Gann ist erfüllt von Erinnerungsstücken aus alter Zeit. Viele Regale, Kredenzen, Tische und Wände sind geschmückt mit schönen Gläsern, Keramik, Figuren und Bildern, die penibel geordnet hingestellt sind.
Sie erzählt von ihrer Kindheit. „Ich bin geboren 1931, die Neujahrsglocken haben geläutet. Ein so schönes Haus hatten wir in Graz, ein Schloss, ich kann mich noch genau erinnern, wie alles war. Der Vater war ein hochdekorierter Offizier in der Monarchie…“
Ernst blickt das Bild des Vaters von der Wand. In den 30er Jahren haben sie Graz verlassen und sind nach Salzburg gezogen, der Vater hat die Trafik bekommen und geführt. So findet hier die Kindheit der jungen Johanna eine ganz andere Fortsetzung…
Sie besucht die Schulen in Salzburg. Eine starke Erinnerung kommt hoch und bedrängt sie:
„Bald nach dem 16. Oktober 1944 wurde ich verhaftet, im Gestapo-Hauptquartier hätt’ ich zugeben sollen, dass ich an die Front schreibe, dass ich Nachrichten weitergebe. Man hat mich geschlagen und zwei Knöpfe ausgerissen…Glücklicherweise ist ein Alarm gekommen, jemand hat mich hinausgestoßen und gesagt, ich soll verschwinden. Ich bekam Schulverbot ´bis nach dem Endsieg´. Eine von der Gestapo war uns wohlgesonnen, die hat meiner Mutter geholfen und geraten: Geht weg von Salzburg! – So sind wir länger bei einer Tante in Oberösterreich gewesen, dann an verschiedenen Orten…
Und niemand hat nach dem Krieg über diese Zeit reden können, niemand hat mir geholfen! Ich hab so gelitten: Ich hab keine Schulausbildung… Mein Herz war ohne Heimat…“
Aus „Meine Welt“:
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Diese Traurigkeit, diese Angst verarbeitet Johanna in ihren Gedichten, in ihrem Schreiben. Sie verfasst immer neue Gedichte, als sie die Trafik übernimmt und weiterbetreibt. Bereits an die hundert Bände mit Gedichten sind bisher entstanden, alle sind ähnlich aufgebaut: Rechts stehen die Gedichte, links von ihr selbst mit Buntstiften gemalte Bilder oder Drucke. Diese Bücher bedeuten ihr sehr viel, „Schreiben als Hilfe im Leben und zum Überleben!“, und sie behandelt sie behutsam und gibt sie nicht in fremde Hände. (Wir können hier nur ein paar wenige Beispiele zeigen).
Aus „Dämmerstunde“:
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himmelerdiges
nachtgebet zwischen freiheit und gott |
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nachtwind
es glänzt schon ein morgen im tau |
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die
geburt der sterne im mondesgrün gepflückt |
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Ein weiterer Schatz, den Frau Gann sorgsam hütet, sind Briefe und Fotos von Staatsoberhäuptern und Königsfamilien, denen sie geschrieben und gratuliert hat, und deren Antwortschreiben sie hochschätzt und die sie glücklich machen. Für ihre Gedichte, die in Anthologien abgedruckt wurden, gibt es anerkennende Schreiben und auch im ORF hat es Sendungen gegeben. Rar sind ihre öffentlichen Auftritte und Lesungen geblieben, sie ist sehr zurückhaltend und fürchtet, nicht verstanden zu werden. Umso glücklicher ist sie über jedes anerkennende, verständnisvolle Wort, jedes Lob, jeden Dank.
So möchten wir uns auch bei Frau Gann bedanken für das freundliche Gespräch und die Einblicke, die sie uns in ihr Leben gewährt hat. Wie Goethe es sagte: „Alle meine Dichtungen sind Bruchstücke einer großen Confession!“